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Mart Rutkowski, geb. 1979, lebt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn Ole südlich von Freiburg. Gemeinsam mit seiner Frau leitet er Visionssuchen und NaturCoachings und bildet Menschen zu Erlebnispädagogen aus. Darüber hinaus unterrichtet er in einer Schule und ist Lehrbeauftragter für die Evangelische Hochschule Freiburg. Als Spezialist für Coaching- und Reflexionsprozesse veröffentlichte er seine Gedanken 2010 in dem Fachbuch “Der Blick in den See. Reflexion in Theorie und Praxis“.
Mehr über seine Arbeit und seine Angebote erfährt man unter www.snaketeam.org und www.mart-trainings.de.

Gordana Hess im Gespräch mit Mart Rutkowski

Gordana Hess

Herr Rutkowski, Sie haben als Erlebnispädagoge viele Kinder und Jugendliche bei intensiven Naturerfahrungen begleitet. Was bewirken Naturerfahrungen bei Kindern?

Mart Rutkowski

Die Natur fordert die Fantasie der Kinder heraus und ist die perfekte Spielwiese für ihre Ideen. Da wird ein Gebüsch plötzlich zur Räuberhöhle, ein Baum zum geheimen Treffpunkt, ein Stock zu einem Schwert. Kinder füllen den offenen Raum der Natur mit sich selbst und ihrem Inneren. Und das ist großartig für die Selbstentfaltung! Darüber hinaus machen Kinder vielfältige und komplexe motorische Erfahrungen in der Natur. Wer über Bäche springt, auf Bäume klettert und durch hohes Gras pirscht, lernt auf vielfältige Weise mit seinem Körper umzugehen.

Gordana Hess

Was passiert mit Kindern, wenn sie in der Natur Grenzerfahrungen machen, den Bereich des Gewohnten verlassen?

Mart Rutkowski

Sie lernen und machen insbesondere sogenannte “Selbstwirksamkeitserfahrungen“:
Ein Kind baut eine Hütte aus Stöcken und sieht am Abend, was es geleistet hat. Oder die Erfahrung, dass beim Kochen auf dem Feuer plötzlich die selbstgemachte Gemüsesuppe schmeckt. Oder dass das Kind von einem Holzstapel auf eine 15 Meter hohe Douglasie klettert und sich die Welt von oben anschaut. All das gibt Kindern Selbstbewusstsein und ein Gefühl für die eigenen Kompetenzen und Grenzen.
Außerdem sammeln Kinder intensive Sinneseindrücke: Geruchlich, geschmacklich, visuell, auditiv usw. Das führt dazu, dass Kinder konzentriert wahrnehmen und bei einer Sache bleiben können – wenn man sie einfach mal aus den “Alltag“ “raus“ nimmt.
Wir Erlebnispädagogen haben die Verantwortung, Menschen in diese Lernzone zu begleiten. Die Devise heißt “fordern ohne zu überfordern“.

Gordana Hess

Wie erkennen Sie, dass Kinder den Bereich positiver Erfahrungen verlassen und in die Überforderung kommen?

Mart Rutkowski

Soweit darf es gar nicht erst kommen. Es geht ja nicht darum, dass das Kind soweit klettert, wandert oder paddelt, wie ich selbst das möchte. Sondern darum, dass ich frage: “Willst du das ausprobieren? Ja? Ich helfe dir dabei. Geh soweit wie du kannst und willst.“ Wenn ich merke, dass bei einem Kind das Gefühl von Druck entsteht, sind wir schon einen Schritt zu weit.
Kinder, die draußen unterwegs sind, kommen in den Bereich der Überforderung selten rein: Ich habe noch nie ein Kind gesehen, dass höher auf den Baum klettert, als es dies auch kann und keines, das einen Bach überspringt, der zu breit ist. Kinder sind vorsichtig und handeln instinktiv meistens richtig – darauf können wir vertrauen.

Gordana Hess

Was sind aus Ihrer Sicht besonders wertvolle Naturerfahrungen?

Mart Rutkowski

Jede Naturerfahrung ist gleich wertvoll – und für jeden unterschiedlich wichtig. Gehen Sie raus, das ist wichtig. Egal wann, egal wohin, egal wie lange. Meine persönlichen pädagogischen Favoriten sind: Ein Regenspaziergang, ein Sonnenuntergang im Sommer, Bachwasser trinken und auf dem Feuer kochen und draußen übernachten.
Und noch etwas: Nachts zu zweit, schweigend durch Wald und Wiese streifen. Ich kenne kaum noch einen erwachsenen Menschen, der nachts ohne Angst durch einen Wald gehen kann – unsere Kinder können das lernen.

Gordana Hess

Was würden Sie Familien raten, die inmitten einer Großstadt leben?

Mart Rutkowski

Nutzen Sie die Wochenenden um der Großstadt zu entfliehen. Dazu genügt es oft schon, mal die S-Bahn in einen Randbezirk zu nehmen und dann 10 Minuten zu laufen – schon sind Sie in Wald und Feld. Gehen Sie unter der Woche in Parks und verlassen Sie die Wege. Pirschen Sie einmal pro Woche mit Ihrem Kind durch das Gebüsch des “innerstädtischen Begleitgrüns“. Schicken Sie Ihr Kind einmal pro Jahr auf ein Ferienlager in der Natur – wenn es das möchte und alt genug dafür ist. Lernen Sie etwas über essbare Wildpflanzen: Davon findet man in Städten haufenweise.

Gordana Hess

Heutzutage neigen wir Eltern ja ein wenig dazu, aus Alltäglichem eine pädagogische Disziplin zu machen: Babymassage statt Streicheln, Musikalische Früherziehung statt gemeinsamem Singen … was können Eltern tun, um Kindern intensive und gleichzeitig spontane Naturerfahrungen zu ermöglichen?

Mart Rutkowski

Eltern sollten die Tür aufmachen und ihr Kind anschließend laufen lassen.
Das bedeutet konkret, dem Kind die Faszination Natur zu zeigen und ihm die Freiheit zu geben, die Natur auf eigene Faust zu erforschen. Dazu muss man zunächst tatsächlich gemeinsam unterwegs sein. Wenn das Kind die Liebe zur Natur selbst spürt, wird es auch alleine rausgehen – aber diese Liebe kann man vorleben.
Wenn darüber hinaus ein Zugewinn an echter Freiheit für das Kind winkt, wird es auch nach draußen wollen.
Wenn wir also unsere Kinder zu ihrem wahren Selbst wachsen lassen wollen, müssen wir ihrer Wildnis Raum geben.

Gordana Hess

Was können Eltern von der Erlebnispädagogik lernen?

Mart Rutkowski

1) Lieben Sie Ihr Kind und vertrauen Sie ihm. Gerade das Vertrauen in die Fähigkeiten und guten Instinkte des Kindes fällt oft schwer. Dabei gilt es anzuerkennen, dass Kinder manche Dinge besser können als wir – zum Beispiel auf Bäume klettern!

2) Denken Sie immer mal wieder daran, dass andere Kinder in Wüsten, Regenwald, Steppe oder den Slums großer Städte zur Welt kommen: Dort überleben, spielen und lachen. Ihr Kind braucht Raum zum Spielen, Liebe und Ihre Zeit – das nötige Spielzeug finden Sie draußen in der Natur. Gehen Sie unbedingt mit. Und vergessen Sie nicht, dass Ihr Kind mit einem Immunsystem ausgestattet ist – Ihr Kind steckt mehr weg, als Sie denken.

3) Es gibt nur ein einziges “Fachbuch“, das Sie wirklich gelesen und verstanden haben müssen: “Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren. Alles, was Sie über Kinder, Erziehung und Natur wissen müssen steht da drin – lassen Sie sich von diesem Buch in Ihrem Herzen berühren.

Gordana Hess

Herr Rutkowski, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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