
Jesper Juul, 1948 in Dänemark geboren, zählt zu den bedeutendsten Familientherapeuten Europas. Viele Eltern und Pädagogen kennen Juul als inspirierenden Buchautoren, Referenten und Ratgeber für pädagogische Fragestellungen. Im Mittelpunkt seiner Pädagogik steht die Überzeugung, dass ein Kind von Geburt an emotional und sozial ebenso kompetent ist wie ein Erwachsener. Auf dieser Basis arbeiten auch seine Familylab Familienwerkstätten, die interessierten Eltern und Pädagogen europaweit Vorträge und Seminare zu pädagogischen Themen anbieten (mehr unter www.familylab.de).
Herr Juul, Sie betrachten seit vielen Jahrzehnten die Entwicklung von Familie und Kindheit. Mit welchen Herausforderungen haben Eltern heutzutage in Deutschland zu kämpfen?
Jesper Juul
Es hat sich herausgestellt, dass die alten Erziehungsmodelle nicht mehr funktionieren. Klar ist aber: Kinder brauchen Führung und Begleitung. Es geht in der Pädagogik nicht darum, neue Modelle zu entwickeln, sondern eine neue Stufe im Umgang zwischen Eltern und Kind zu erklimmen.
Wie sieht diese neue Stufe aus?
Jesper Juul
Die neue Stufe ist der Dialog. Dies bedeutet nicht endlose Auseinandersetzungen, Verhandlungen und Diskussionen, sondern wahrhafter Dialog, bei dem Eltern bereit sind sich selbst sowie das Kind wahr und ernst zu nehmen. Eltern müssen lernen, das Feedback von ihrem Kind zu beachten und darauf einzugehen.
Angenommen, Sie wären heute ein Kind, welche Einstellung zu Ihnen bzw. zu Ihrer Erziehung würden Sie sich von Ihren Eltern wünschen?
Jesper Juul
Ich als Kind bzw. Kinder im Allgemeinen fordere nicht sehr viel. Hauptsächlich möchte ich gerne, wenn ich meine Eltern treffe, in ihren Augen und im Gesicht sehen, dass sie sich über mich freuen. Dies ist das wichtigste Anliegen von Kindern. Des Weiteren brauche ich erfahrene Eltern, die für mich den Überblick behalten. Kinder sind ja fremd in dieser Welt, in der Kultur und Familie. Um alles Wichtige zu lernen, müssen sie nicht erzogen werden, sondern brauchen nur freundliche, empathische Begleitung ihrer Eltern in einer gleichwürdigen Beziehung.
Wie gehe ich in so einer gleichwürdigen Beziehung mit Konflikten um, z.B. wenn sich mein Kind morgens weigert, die Zähne zu putzen, und ich dringend zur Arbeit muss?
Jesper Juul
Wenn ein Kind am Morgen rebelliert, haben es die Eltern zu eilig. Das Kind wird in diesem Moment zu einem Paket reduziert, man schiebt es ins Badezimmer, in die Küche, schnell Stiefel an, ins Auto und ab geht’s. Kinder machen dieses “Bum-Bum-Tempo“ nur ungern mit. Deshalb sträubt es sich und lässt sich nicht die Zähne putzen. Die Eltern sollten keinen Zwang ausüben, sondern sagen: „Okay, dann machen wir es später.“ In den meisten Fällen reicht diese Reaktion der Eltern aus, um den Konflikt zu beenden. Das Kind fühlt sich gesehen und gehört und stellt fest – meine Mutter weiß jetzt, mir passt was nicht. Dem Kind wird ja nicht die Macht zugesprochen, sondern die Entscheidung liegt ja nach wie vor bei den Eltern, sie entscheiden, dass die Zähne später geputzt werden. Es geht beim familiären Zusammenleben nicht um Bestimmen, sondern um gemeinsames Miteinander.
Können Eltern denn ganz auf Sanktionen verzichten?
Jesper Juul
Lassen Sie uns die Frage anhand eines Beispiels betrachten. Sie können Ihrem vierjährigen Kind sagen: „Komm jetzt! Es gibt Essen.“
Dann können Sie davon ausgehen, dass Ihr Kind antworten wird, dass es keinen Hunger hat.
Und dann? Dann beginnt der Konflikt. Stattdessen können Sie sagen:
„Das Essen ist fertig. Du bist herzlich eingeladen.“ Das Kind, vor allem wenn es ein Junge ist, wird wieder angeben keinen Hunger zu haben. Dann dauert es maximal sieben Minuten, und es sitzt am Tisch und schlägt sich den Bauch voll. Der Hintergrund ist folgender: Menschen, ob Kind oder Erwachsener, gehen schlecht mit Befehlen um. Menschen möchten wählen können. Wenn alle Familienmitglieder wissen, dass es in ihrer Familie okay ist auch mal nein zu sagen, können sie viel leichter ja sagen. Wenn jedes Nein zu einem Konflikt führt, verstärkt sich der Drang immer nein zu sagen enorm.
Welche Rolle spielt die Vorbildfunktion der Eltern in der Erziehung?
Jesper Juul
Eltern sind immer Vorbilder. Viele Experten sind der Meinung, Eltern sollen positive Vorbilder sein. Das ist Quatsch. Niemand kann immer ein positives Vorbild sein. Kinder und Erwachsene lernen genauso viel von schlechten Vorbildern wie durch sogenannte positive Vorbilder. Sie lernen vom Tun der Eltern nicht von dem, was sie sagen. Eltern meinen, sie müssen 24 Stunden erziehen, das ist nicht gut. Viele Kinder werden übererzogen, weil die Eltern der Erziehung mehr Wichtigkeit zuschreiben als dem Vertrauen, welches sie ihrem Kind entgegenbringen. Eltern meinen täglich ihrem Kind Anweisungen und Anregungen geben zu müssen, weil das angeblich wichtig ist. Ich rate zu mehr Vertrauen. Die Kinder wollen es ja richtig machen, sie möchten ihren Eltern doch gefallen. Aber bis sie es richtig machen, brauchen sie eben Zeit.
Also “laissez faire”?
Jesper Juul
Ja und nein. Ich bin kein Naturromantiker. Ich sage nicht, dass Kinder von Anfang an wunderbar sind, sich nur entfalten müssen und die Eltern nur dafür sorgen müssen, es ihnen warm und nett zu machen. So ist es nicht. Aber dieses unglaubliche Vertrauen in Erziehung stimmt einfach nicht. Wir sehen es an Kindern, die sieben Stunden in einer pädagogischen Einrichtung verbringen, danach haben sie genug, sind voll von Pädagogik. Sie brauchen dann eine erwachsenenfreie Zone, die gibt es aber leider fast nicht mehr. Die Erwachsenen möchten immer ein Projekt mit Kindern machen, dies überfordert sie aber.
Welche Rolle spielt dabei die Aufmerksamkeit, die wir unseren Kindern zuteil werden lassen?
Jesper Juul
Viele Mütter sagen zu mir: „Ach Herr Juul, meine Kinder fordern so viel.“ Das stimmt, Kinder fordern unendlich viel Aufmerksamkeit. Aber sie brauchen nicht so viel, wie sie fordern. Sie können mit viel weniger umgehen. Mit Aufmerksamkeit ist heutzutage gemeint, dass die Kinder im Zentrum der Familie stehen. Das braucht kein Kind. Viel wichtiger sind ehrliches Interesse, gesehen und ernst genommen werden.
Dann müssen Mütter kein schlechtes Gewissen haben, wenn ihr Kind alleine spielt, während sie sich nebenher entspannen?
Jesper Juul
Nein. Absolut nicht. Kinder sollen lernen: Die Aufmerksamkeit meiner Mutter gehört ihr. Sie verteilt diese, wie sie möchte. Ich kann etwas davon bekommen, aber nur so viel, wie meine Mutter bereit ist zu geben. So entwickelt sich eine Empathie. Kinder brauchen keine grenzenlose Mutter, sondern eine Mutter, die sich definiert. Liebe ist nicht Service, Liebe ist nicht, grenzenlos zu sein.
Die ersten 18 Monate müssen wir immer 24 Stunden zur Verfügung stehen, aber dann ist Schluss. Dann müssen die Kinder entdecken, meine Mutter ist auch für sich selber da, für den Papa, ihren Beruf, ihren Freundeskreis – nicht nur für mich allein. Dieses Wissen kann man Kindern nicht erzählen, sondern sie müssen es erleben.
Welche Bedeutung hat Spielen für die seelisch-geistige Entwicklung von Kindern?
Jesper Juul
Spielen ist pure Kreativität. Kreativität kommt von innen. Kinder lernen sich selbst kennen, lernen soziale Fähigkeiten und sich selbst einzuschätzen. Wir nennen es spielen, dabei ist spielen eher forschen. Kinder benehmen sich als wären sie kleine Entdecker, sie stellen Theorien auf, machen Experimente. Spielen ist eine Voraussetzung für das akademische Lernen, das später in der Entwicklung kommt. Das Wissen darüber gibt es schon seit vielen Jahren, es wird aber leider ignoriert. Genauso ist es wissenschaftlich erwiesen, dass körperliche Bewegung für das intellektuelle Lernen sehr wichtig ist. Aber was wird mit dieser Tatsache gemacht? Nichts. Stattdessen wird über das schlechte PISA-Abschneiden geklagt, im gleichen Atemzug werden aber die Sportstunden gestrichen. Das ist unbedacht.
Gibt es aus Ihrer Sicht besonders wertvolles Spielzeug?
Jesper Juul
Kinder brauchen keine Spielsachen, sie brauchen nur Sachen, mit denen sie spielen können. Aber freundliche Erwachsene haben ja viele, viele Spielzeuge entwickelt. Je mechanischer das Spielzeug, desto weniger wertvoll ist es. Mein vierjähriger Enkel liebt ferngesteuerte Autos, meinetwegen kann er gerne damit spielen, aber das Spielen hat so keinen Wert für seine Entwicklung.
Was ist denn für Kinder das optimale Entwicklungsumfeld außerhalb der Kernfamilie?
Jesper Juul
Erwachsenenfreie Zonen, in denen Kinder mit anderen spielen und Abenteuer erleben können. Das Feld, Wiesen oder den Wald erforschen können. Das ist sehr wichtig.
Worauf sollten wir Eltern bei der Wahl von Kindergarten und Schule achten?
Jesper Juul
Ich glaube, man soll mit seinem Herz wählen. Es gibt zwar unterschiedliche Ideologien wie Waldorf oder Montessori, aber mit Ideologien können Kinder nichts anfangen. Diese sind nur für Erwachsene gemacht. Eltern sollen die Schulen oder Kindergärten besuchen und dann mit dem Herz und Bauch entscheiden: Herrscht dort eine gute Stimmung? Möchte ich dort gerne Kind sein?
Herr Juul, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch.
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